Wir möchten gar nicht wissen, WER Sie sind.

Wir wollen nur wissen, WIE VIELE Menschen unsere Website besuchen. Sie können dies jedoch ablehnen.
Lesen Sie hier mehr über unsere Cookies.

News & Blogs

“E-Health kann traumatisierten Menschen weltweit helfen”

„E-Health kann Grenzen sprengen und Menschen bei der Traumaverarbeitung helfen, wo auch immer auf der Welt“, sagt Dr. Joe Ruzek, Co-Direktor des Zentrums für m2 Health an der Palo Alto Universität in Kalifornien. Zuvor war er dort Direktor des National Center for PTSD. Sein Ziel ist der Aufbau eines weltweiten Netzwerks, um traumatisierten Menschen online Unterstützung anbieten zu können.

Dr. Ruzek hat Minddistrict in Amsterdam besucht, um einen Vortrag über sein weltweites Netzwerk zu halten. Im unteren Video können Sie diesen Vortrag anschauen. Im Anschluss daran hatten wir die Gelegenheit, ein Interview mit Dr. Ruzek zu führen. Das gesamte Interview lesen Sie im Folgenden (unterhalb der Videobox).


Joe Ruzek - ein Interview über internationale Traumabewältigung

Von Meike Bergwerff - Wenn Joe Ruzek über seine Pläne spricht, tut er dies, ohne Luft zu holen. Viel Leidenschaft steckt in seinen Ideen und er wird viel Zeit darauf verwenden, diese so effektiv wie möglich in die Tat umzusetzen.

Warum denken Sie, sind digitale interventionen bei der Traumabewältigung hilfreich?

"Innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre wird beinahe jeder Mensch auf der Erde ein Smartphone haben und mit dem Internet verbunden sein. Das eröffnet die Möglichkeit, digitale Selbstmanagementtools für traumatisierte Menschen auf der ganzen Welt zu entwickeln. Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen es keine psychotherapeutische Grundversorgung gibt. Oder es gibt sie, allerdings nur in unzureichender Form, oder sie ist nur schwer zugänglich. Selbst in den westlichen Ländern sind wir bis heute nicht sehr erfolgreich darin gewesen, Menschen mit psychischen Problemen wirklich zu erreichen."

"Wenn man das Thema E-Health betrachtet, stellt man fest, dass die Erforschung von Web-Interventionen zunimmt. Ich erwarte, dass sich das bald auf Interventionen per Telefon ausweiten wird. Wenn die Tools zum Einsatz kommen, können damit verschiedenste Problemstellungen im Leben angegangen werden: Psychische Probleme, Depressionen, Ängste, Posttraumatische Belastungsstörungen. Aber die Tools können auch an andere Anforderungsprofile angepasst werden: Konfliktvermeidung, Erfolgssteigerung oder effektiver und effizienter Arbeiten.“

Foto von Joe Ruzek Joe Ruzek spricht über Traumaversorgung.

Warum sucht die westliche Welt noch immer nach einer Methode zur Traumabewältigung?

"Viele sind auf der Suche nach psychotherapeutischer Unterstützung. Wir sind auch nicht so gut darin, dies zu erkennen. Es geht z.B. jemand mit diversen Beschwerden zum Arzt, dieser findet jedoch den eigentlichen Kern des Problems, eine Traumatisierung, oft nicht. Zudem ist die Suche nach mentaler Hilfe oft noch mit einem Stigma behaftet. Forscher richten ihre Aufmerksamkeit häufig auf Einzeltherapieformen, was aber weniger sinnvoll ist, wenn sehr vielen Menschen (gleichzeitig) geholfen werden soll.

Wenn wir eine Intervention entwickeln, können wir diese theoretisch 10 Millionen Menschen gleichzeitig anbieten. Selbst wenn nur 3 bis 5 % davon profitieren, kann damit viel mehr Menschen geholfen werden als mit der besten Einzeltherapie.

Was ist bei der Entwicklung digitaler Interventionen die größte Herausforderung?

"Wir müssen diese Tools verschenken können, da die Nutzer oft nicht über große finanzielle Mittel verfügen. Mein Gefühl ist, dass wir unmittelbar mit der Entwicklung beginnen müssen. Wir dürfen keine Angst vor Fehlern haben und sollten so viele neue Dinge wie möglich ausprobieren. Daneben gibt es in der Welt der Interventionsapps große Konkurenz, die sich denselben Problemen stellen muss. Die Entwickler müssten sich in einem Team zusammensitzen und herausfinden, wie das für eine sehr große Anzahl von Menschen umgesetzt werden kann.“

An welche Art digitaler Intervention denken Sie aktuell?

"Im Augenblick denke ich an Online-Interventionen, die Unterrichtsstunden oder Selbstmanagementtools ähneln. Wenn wir eine Face-to-face-Intervention zum Thema Verhaltensänderung finden, die effektiv ist, ist die Chance sehr groß, dass wir diese online stellen können. Diese Interventionen enthalten viele didaktische Informationen, wie zu den Themen Zielsetzung, Richtlinien erstellen oder Selbstmonitoring, sowie Fertigkeits- und Entspannungstrainings. Die Interventionen unterstützen Menschen bei der Veränderung von Routinen. Wir können so möglichst vielen Menschen in Regionen helfen, die hinsichtlich einer psychotherapeutischen Gesundheitsversorgung unterversorgt sind."

"Allerdings möchten wir nicht, dass in besser versorgten Gebieten die Technik den Menschen ersetzt. Wir wünschen uns, dass Online-Interventionen die bisherige Arbeit ergänzen und zu einem größeren Komfort und einer größeren Effektivität beitragen."

Wie sehen die nächsten Schritte aus, um dieses weltweite Netzwerk auf die Beine zu stellen?

"Ich befinde mich mit Minddistrict in Gesprächen über eine Bereitstellung ihrer Plattform in Entwicklungsländern. Ich spreche mit Traumaforschern, die an diesem Thema interessiert sind, und suche in Entwicklungsländern nach Partnern. Wenn wir Zugang zu einer Plattform bekommen, werden wir auf jeden Fall zwei Interventionen konzipieren: eine allgemeine Trauma-Intervention und eine mit Bezug zu psychischen Gesundheitsproblemen. So hätten wir zwei Prototypen mit Materialien, die entsprechend angepasst und genutzt werden können." Screenshot des Minddistrict CMS "Wenn es genug Anfragen gibt, möchte ich mit Unternehmen im Silicon Valley oder anderen Teilen der USA bzw. weltweit in Kontakt treten, ob diese Interesse an einer Finanzierung der Plattform haben. Auf lange Sicht wäre es großartig, eine Non-Profit-Organisation zu etablieren, die eine stabile Finanzierung für eine kleine Zahl an Mitarbeitern erhält, damit ein solches System optimal funktionieren kann.”

Wovor müssen Sie während dieses Prozesses am meisten auf der Hut sein?

"Wir müssen dafür sorgen, dass die Interventionen nicht nur kulturell angepasst werden, sondern wir auch Partnerschaften mit den Ländern der dortigen Einrichtungen eingehen. Ich habe da eine Hypothese: Vielleicht ist es gerade in Entwicklungsländern möglich, auf dem Gebiet der psychischen Gesundheitsversorgung vollständige Erneuerungen und echte Innovationen durchzusetzen. Immerhin gibt es keine Konkurrenz."

"Aus diesem Grund wird es mehr Raum für radikale Innovationen geben. Das könnte bedeuten, dass sich die westliche Welt dort einbringen könnte, um positiven Einfluss auf derartige Dienstleistungen zu nehmen, die es bisher nur „von der Stange“ gibt. Das ist optimistisch, aber es ist die Mühe wert, diese Gespräche zu führen. Die Menschen sehen sehr wohl, dass es weltweit einen Bedarf an solchen Lösungen gibt.“