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Dr. Maren Kentgens: DiGA ist erst der Anfang

Seit 2020 hat Minddistrict eine neue Geschäftsführerin für die DACH-Region. Dr. Maren Kentgens leitete zuvor bereits erfolgreich Gesundheitsunternehmen wie Asklepios Connecting Health und INSITE. Im Interview berichtet sie von ihrer Vision für die digital unterstützte psychiatrische und psychosomatische Versorgung und warum das Digitale Versorgung Gesetz nur der erste Schritt für die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems ist.

Warum hast Du Dich für den Posten als Geschäftsführerin bei Minddistrict entschieden?

Als Arbeitspsychologin habe ich Minddistrict bereits im Jahr 2014 kennengelernt. Damals wurde die Plattform im Rahmen eines EU-geförderten Inkubators an der Leuphana Universität in Lüneburg genutzt. Ich war Geschäftsführerin des Innovationsclusters „Gesundheitswirtschaft HH GmbH“, und damals haben wir mit „psychenet“ den BMBF-Regionenwettbewerb gewonnen. Mein Team und ich haben immer gern mit Minddistrict gearbeitet und auch positive Rückmeldungen von unseren Nutzerinnen und Nutzern erhalten.

Und das hat Dich überzeugt?

Das hat auf jeden Fall zu meiner Begeisterung für Minddistrict und allgemein für den Einsatz digitaler Mittel in der Behandlung beigetragen. Ich bin überzeugt, dass e-Health große Chancen für die Prozessoptimierung bietet und eine Brücke zwischen den Sektoren im Gesundheitswesen und den einzelnen Behandlungsschritten in der Behandlungsreise schlagen kann.

Dem menschlichen Kontakt muss mehr Bedeutung beigemessen werden.

Ein weiterer Aspekt, den ich sehr vielversprechend finde, sind die vielen Gestaltungsmöglichkeiten bei Minddistrict. Wir können nicht nur selbst neue Online-Interventionen entwickeln, sondern auch Kliniken zur Digitalisierung und den ersten Schritten in diese Richtung beraten.

Hilft das Digitale Versorgung Gesetz (DVG) der Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems auf die Sprünge?

Das DVG ist ein guter erster Schritt, um Digitalisierung voranzubringen, da es digitale Anwendungen als seriöse Hilfsmittel zur Verbesserung der Behandlungsqualität und Versorgungsstruktur würdigt und einheitliche Qualitätsstandards definiert. Außerdem bietet der neu geschaffene Weg zur Erstattung durch GKV den Anbietern die wirtschaftliche Sicherheit, die sie brauchen, um neue Funktionen und Inhalte zu entwickeln. Allerdings greift das DVG doch noch etwas zu kurz.

Inwiefern?

Das DVG sieht Verordnungen von Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) vor allem im ambulanten Sektor vor. In Kliniken ist der Einsatz somit nur in der psychiatrischen Institutsambulanz und im Entlassmanagement angedacht. E-Health kann aber viel mehr.

Eine zweite Schwäche des DVG sehe ich darin, dass DiGAs praktisch ohne ärztliche oder therapeutische Begleitung auskommen sollen. Das geht völlig an den zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen vorbei, die eindeutig belegen, dass Blended Care, also die Kombination aus klassischer Behandlung vor Ort und Online-Interventionen, die Dropout-Rate signifikant senkt. Auch hier gibt es noch einiges nachzubessern.

Zum Beispiel?

Unser Ziel ist es, Menschen entlang der gesamten Behandlungsreise zu begleiten, einerseits mit traditionellen Therapeut-Patient-Kontakten und andererseits mit evidenzbasierten individuell zusammenstellbaren Online-Interventionen. Das ist der Blended Care-Ansatz über den wir bereits gesprochen haben. Dafür ist es natürlich notwendig, dass auch die Behandelnden für ihre Leistung angemessen vergütet werden. Das DVG sieht die DiGA jedoch als eigenständiges Hilfsmittel, das ohne Dazutun der Therapeutinnen und Ärzte vom Patienten selbst angewendet werden soll. Diese Art der Anwendung ist nicht mehr zeitgemäß. Dem menschlichen Kontakt muss mehr Bedeutung beigemessen werden.

Dr. Maren Kentgens und Dr. Manuela Schuetze Dr. Maren Kentgens und Implementation Managerin Dr. Manuela Schuetze

Ein zweiter Punkt, der nachgebessert werden muss, ist, dass die gesamte Behandlungsreise abgebildet werden kann. Eine hochentwickelte e-Health Plattform wie Minddistrict kann nicht nur Inhalte für die ambulante Behandlung bereitstellen, sondern bereits zur Überbrückung der Wartezeit, zur Eingangs- und Verlaufsdiagnostik, in der stationären Versorgung und selbstverständlich auch in der Nachsorge eingesetzt werden.

Die Patientinnen und Patienten nutzen je nach Abschnitt ihrer Behandlungsreise unterschiedliche Inhalte in der Plattform, z.B. kurze Selbsthilfemodule, Screenings und Fragebögen, Tagebücher, umfangreiche Online-Interventionen in Kombination mit persönlichen Gesprächen mit ihrem Therapeuten sowie elektronische Feedbacks, Handlungs- und Rückfallpräventionspläne bei der Entlassung. Gleichzeitig kann die therapeutische Beziehung mithilfe von Chats und Videogesprächen gepflegt werden, wodurch sich die Patienten häufiger mit den Inhalten der Therapie beschäftigen.

Es muss den Therapeuten möglich sein, all diese Online-Werkzeuge in Absprache mit den Patientinnen und Patienten flexibel kombinieren zu können, um eine individuelle, niedrigschwellige Therapie zusammenzustellen. Dafür muss jedoch auch die Erstattung all dieser Tools in allen Abschnitten der Behandlungsreise, von der Warteliste bis zur Nachsorge, geregelt sein.

Wie positioniert sich Minddistrict in der Versorgungslandschaft?

Wir konzentrieren uns im Moment auf 2 Bereiche. Der eine ist die Entwicklung DiGA-gerechter Module, der andere betrifft den Ausbau unserer Krankenhaus-Präsenz und unserer Consulting-Arbeit zum Thema Digitalisierungsstrategie.

Für den ersten Bereich entwickeln wir im Moment Online-Interventionen, die mit minimaler Begleitung auskommen und auf die Verbesserung der Versorgungsstruktur ausgelegt sind. Diese speziell angepassten Module möchten wir nach Fertigstellung wissenschaftlich evaluieren. Dabei wollen wir jedoch nicht den Teil des Fast Track nutzen, der eine vorläufige Zulassung von DiGAs ohne Evidenz erlaubt. Wir möchten zuerst den Nachweis über Wirksamkeit und Sicherheit, auch mit reduzierter Begleitung, bringen, bevor wir Module in die breite Versorgung geben.

Parallel dazu konzentrieren wir uns auch weiterhin auf den Klinik-Sektor, wo unsere Module in Kombination mit traditionellen Face-to-face-Gesprächen angewendet werden. Wieder steht hier Blended Care im Vordergrund, wovon wir absolut überzeugt sind.

Wir bieten nicht nur die Plattform, sondern auch unsere Expertise auf dem Gebiet der Digitalisierung von Kliniken an

Wir haben damit sehr gute Erfahrungen in Kliniken in Deutschland und den Niederlanden gemacht, z.B. zur Überbrückung der Wartezeit oder in Form von Willkommensmodulen und Fragebögen in der Eingangs- und Verlaufsdiagnostik. Die Minddistrict-Plattform ist für umfangreiche Begleitung konzipiert: Die Behandelnden können die Patientinnen und Patienten mit Hilfe von Feedback-Momenten, die in die Module eingebaut sind begleiten, aber auch durch Chats und Videogespräch.

Wir erleben oft großes Staunen, wenn wir die Plattform in Kliniken vorstellen, da sie so viele Funktionen miteinander vereint, die weit über eine Stand-Alone App hinausgehen. Dementsprechend groß ist die Nachfrage nach Minddistrict im Kliniksektor, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und im vergangenen Jahr besonders in der Schweiz. Viele Kliniken wollen e-Health als Alleinstellungsmerkmal nutzen, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben oder zur Vereinfachung von Arbeitsabläufen.

Minddistricts responsive e-Health-Plattform

Wir bieten unseren Kunden aber nicht nur die Plattform und Interventionen an, sondern auch unsere Expertise auf dem Gebiet der Digitalisierung von Kliniken. In über 10 Jahren Erfahrung in Niederlanden, Großbritannien und Deutschland kennen wir die Herausforderungen und Chancen einer gelungenen Implementierung, die nicht nur den Handlungsspielraum der Behandelnden erweitert, sondern auch deren Arbeitsabläufe vereinfacht.

Wir hoffen sehr, dass diese Best Practices in Zukunft mehr Berücksichtigung in der agilen Gesetzgebung des gegenwärtigen Bundesministeriums für Gesundheit finden werden.

Wie wird Deiner Meinung nach e-Mental-Health im Jahr 2030 aussehen?

Das ist natürlich eine sehr spannende Frage, über die auch schon viel geschrieben und gesagt wurde. Ich bin überzeugt, dass der Trend in Richtung integrierte, regionale Versorgungsnetzwerke gehen wird. In den Niederlanden haben wir in der Region Nordbrabant schon so etwas mit aufgebaut und in Deutschland gibt es ja auch bereits Pilotprojekte in diese Richtung.

Die Nutzerinnen und Nutzer werden online einen niedrigschwelligen Zugang zum Gesundheitssystem haben und durch ihre e-Health-Plattform über alle Stationen der Behandlungsreise und durch alle behandelnden Einrichtungen begleitet werden. So können wir das Gesundheitssystem modernisieren – hin zu einer patientenzentrierte Versorgung.

Dies ist eine Trennlinie

Dr. Maren Kentgens

Dr. Maren Kentgens Dr. Maren Kentgens studierte Psychologie in Hamburg und promovierte 2002 am Universitätsklinikum Eppendorf in den Fachgebieten Medizinsoziologie und Arbeitspsychologie.

Nachdem sie Führungspositionen in Beratungs- und Gesundheitsunternehmen wie Lischke Consulting und der Gesundheitswirtschaft Hamburg GmbH innehatte, übernahm sie 2010 die Gesamtprojektleitung von „psychenet“, einem vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung geförderten Projekts zur Bereitstellung wissenschaftlich fundierter Informationen zu häufig vorkommenden psychischen Erkrankungen. Hier kam sie erstmals mit Minddistrict in Kontakt.

Im Jahr 2014 wechselte Maren Kentgens zu Asklepios Connecting Health, wo sie als Geschäftsführerin und Expertin für beide Bereiche erstmals die Brücke zwischen Corporate Health und Versorgung schlagen konnte. Unter ihrer Leitung wurde hier auch die e-Mental-Health Plattform Minddistrict erfolgreich in der Beratung von Unternehmen und MitarbeiterInnen eingesetzt.

Seit 2020 ist sie Geschäftsführerin von Minddistrict DACH und berät Kliniken bei der Entwicklung digitaler Behandlungskonzepte.

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